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Einweihung der Gedenkplakette für Zwangsarbeiter 2013

Einweihung einer Gedenkplakette für ehem. Zwangsarbeiter am Gebäude des Hessenkollegs

Wo heute rund zweihundert junge Leute im Alter von 19 bis 30 einen höheren Bildungsabschluss nachholen, mussten vor 70 Jahren Gleichaltrige aus vielen Ländern Europas Zwangsarbeit in der Rüstungsproduktion leisten: Das Gebäude des Hessenkollegs in  der Brühlsbachstraße/Ecke Bergstraße gehörte ursprünglich zur Firma Arthur Pfeiffer Apparatebau, in der u.a. sog. Drehkreisel für Raketen ( „V-Waffen“) produziert wurden. Nach dem Krieg war das Gebäude zunächst im Besitz der Firma Philips/Elektrogeräte, bevor dann 1964 das Hessenkolleg hier sein Domizil fand. Eine Woche lang hatte sich vor den Sommerferien eine 14-köpfige Projektgruppe mit der Geschichte des Schulgebäudes beschäftigt. Sie konnte dabei auf zahlreiche Dokumente einer 25 Jahre alten Ausstellung der IG Metall  zurückgreifen. Etwa 8000 Männer und Frauen – überwiegend aus Osteuropa – mussten in Wetzlar und Umgebung unter erbärmlichen Bedingungen für den „Endsieg“ der deutschen Wehrmacht schuften. Einer von ihnen, der junge Pole Thomasz Kiryllow (1925-1990), betrieb Sabotage und wurde deswegen ins KZ Buchenwald verschleppt. Er überlebte seinen Einsatz am „Atlantikwall“ u.a. deswegen, weil er mit seinen Französischkenntnissen vor Ort Kontakte zur „Resistance“ knüpfen konnte. 1987 besuchte der aus Ostpolen stammende und später als Direktor einer Konservenfabrik in Legnica (Schlesien, ehemals Liegnitz) tätige Kiryllow auf Einladung der IG Metall seine frühere Arbeitsstätte in Wetzlar, wo er Vorträge vor Hessenkollegiaten hielt. Eine vom Förderkreis der Schule in Auftrag gegebene Gedenktafel wurde jetzt im Rahmen der Feierlichkeiten zum 50. Schuljubiläum am Portal angebracht. Während der Einweihungszeremonie appellierte Arno Willershäuser (Bellersdorf) als Vorsitzender des Förderkreises daran, aus der Geschichte zu lernen und rechtsradikalen Umtrieben entschlossen entgegenzutreten. Er zitierte dabei eine Bibelstelle (Hebräer 13,3): „Denkt an die Gefangenen, als ob ihr selbst mit ihnen im Gefängnis wärt! Denkt an die Misshandelten, als ob ihr die Misshandlungen am eigenen Leib spüren würdet!“

Hessenkollegiat Sebastian Paul (Hohenahr-Erda) dankte dem Förderkreis für die Initiative zum historischen Gedenken und gab seiner Genugtuung darüber zum Ausdruck, dass Menschen aus ganz Europa sich heute ungezwungen und auf gleicher Augenhöhe begegnen können und der geistlose und anmaßende „Herrenmenschen“-Rassismus der Vergangenheit angehört – „bei allen Problemen, die es aktuell in Europa zu bewältigen gilt“.