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„Wider das Vergessen – 60 Jahre Kriegsende und Befreiung von der Naziherrschaft“

„Fragt mich ruhig aus! Bald wird es niemanden mehr geben, der über die Nazi-Barbarei aus eigenem Erleben heraus berichten kann.“ Mit diesem Appell wandte sich der inzwischen 89-jährige Widerstandskämpfer Peter Gingold aus Frankfurt/Main an die Studierenden des Wetzlarer Hessenkollegs, die ihn zum Thema „Wider das Vergessen – 60 Jahre Kriegsende und Befreiung von der Naziherrschaft“ als Zeitzeugen eingeladen hatten. Peter Gingold, 1916 „als Untertan des Deutschen Kaisers“ in Aschaffenburg geboren, musste mit seiner Familie in den 30er Jahren als rassisch und politisch Verfolgter aus Deutschland fliehen. In Frankreich schloss er sich nach dem Einfall der Wehrmacht 1940 dem bewaffneten Widerstand („Résistance“) an und war einer von Hunderttausenden, die im Sommer 1944 freudig riefen „Paris est libre!“. Ähnliche Szenen des Glücks und der Begeisterung erlebte Gingold dann am 8. Mai 1945 im oberitalienischen Turin, wo Partisanenlieder („Bella Ciao“, „Avanti popolo“)gesungen wurden und die Menschen sich umarmten. Allerdings sei das Kriegsende von den meisten Deutschen nicht als „Befreiung“ wahrgenommen worden: „Während der 8. Mai 1945 im Gedächtnis des übrigen Europa als ‚eine schöne Jungfrau in der Frühlingssonne’ versinnbildlicht ist, kommt das Kriegsende im kollektiven Bewusstsein Deutschlands einer trauernden Mutter und Witwe gleich.“ Peter Gingold legte den Hessenkollegiaten dar, warum sein Lebensweg so ganz anders verlaufen ist als „die Biografien der meisten eurer Großeltern“. Die Zeit der Weltwirtschaftskrise (1929-32) sei durch Hunger und Elend geprägt gewesen, „wie wir uns das heute kaum vorstellen können“. Die Jugendlichen erhielten keine Lehrstellen, dem Ernährer der 10-köpfigen Familie Gingold, einem selbstständigen jüdischen Schneidermeister, blieb die Kundschaft weg, weil es infolge der Massenarbeitslosigkeit den Menschen an Kaufkraft fehlte. Die Nazis präsentierten in dieser Situation den reichen „Geldjuden und Börsenspekulanten“ als Sündenbock für die Wirtschaftskrise. Deren wüste Drohungen („Rotfront verrecke!“ „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, geht alles nochmal so gut!“) brachten den 14-jährigen Peter Gingold zunächst in die Gewerkschaftsjugend und dann in die Reihen des kommunistischen Jugendverbandes: „Es war die organisierte Arbeiterbewegung, die sich dem braunen Terrror von Anfang an und unter großen Opfern widersetzte.“ Ähnlich den Geschwistern Scholl in München organisierten

 

kleine Gruppen Flugzettel-Aktionen in Kaufhäusern und das Auftragen von Losungen wie „Hitler bedeutet Krieg!“ mit Pinsel und Farbe. Peter Gingold (alias „Pierre Gambert“)und seine Frau Etty bekamen 1940 ihre Tochter Alice, die nur deshalb eine Überlebenschance hatte, weil sie unter einem anderen Namen bei einer französischen Bauersfamilie versteckt werden konnte. Gingold selbst geriet im Januar 1943 in Gestapo-Haft, wurde schwer gefoltert und hatte mit dem Leben bereits abgeschlossen. Am 23. April 1943 („Es war 9 Uhr morgens, die Stunde meiner Wiedergeburt“) entkommt er seinen schwer bewaffneten SS-Bewachern durch einen Hechtsprung in einen Hauseingang. Eine Anwohner-Familie versteckt in 2 Stunden lang und leiht ihm 2 Franc für eine Metrokarte und eine aktuelle Zeitung als Tarnung.Ein Bruder und eine Schwester von Peter Gingold wurden in Auschwitz ermordet, zwei andere Brüder blieben nach dem Krieg in Frankreich. In Deutschland sah sich Gingold, inzwischen von seiner Heimatstadt Frankfurt mit der Johanna-Kirchner-Medaille geehrt, zuweilen mit dem Vorwurf konfrontiert, er habe als Résistance-Kämpfer „auf Deutsche geschossen“. Dabei sieht er seinen Widerstand durchaus nicht als ‚unpatriotisch’ an: „Wir konnten uns Deutschland nur als demokratisches und friedliebendes Land vorstellen. Leider fanden die Deutschen nicht die Kraft zur Selbstbefreiung. Von daher war es wohl verstandener Patriotismus, dem eigenen Land die rasche militärische Niederlage zu wünschen.“ Die Wetzlarer Hessenkollegiaten zeigten sich beeindruckt von der körperlichen und geistigen Vitalität ihres fast 90-jährigen Gastes und überreichten ihm als Dankeschön für diese lebendige Form des Geschichtsunterrichts einen vielfach signierten Wetzlar-Bildband. Peter Gingold wird in dieser Woche auch auf dem Evangelischen Kirchentag als Zeitzeuge erwartet. Am 8. Mai sprach er in Berlin vor 15.000 überwiegend jungen Nazi-Gegnern, die den zentralen Boulevard „Unter den Linden“ blockiert hatten und damit zum Scheitern des geplanten Umzugs von 3000 NPD-Anhängern beitrugen.

Klaus Petri