Literaturlesung im Vorkurs (LG 40)

Der Fachbereich Deutsch veranstaltet in loser Folge literarische Matineen. Im vergangenen Sommersemester gab es für die Studierenden der Einführungsphase (LG 39) eine „poetry slam“- Unternehmung mit dem Marburger Sprachjongleur Lars Roppel als zentraler Figur.

Auf eine Lesung des Leuner Autors und pensionierten Lehrers Reiner Kotulla („Morina“ und „Michelle“ – zwei ‚Polit-Erotik-Thriller' mit Wetzlarer Lokalcolorit) folgte eine Einladung an den in Kiel wohnhaften Musiker und Geschichten-Erzähler Heinz Ratz (39), über den sein Kollege Konstantin Wecker (laut Klappentext von Heinz Ratz' ‚Tourgeschichten'/ISBN 3-936049-74-2) urteilt: „Heinz Ratz ist nicht nur ein sympathischer Kollege mit einer erstaunlichen Bühnenpräsenz, er gehört sicher zu den stärksten und eigentümlichsten Talenten der jüngeren Generation. Ich freue mich über einen Künstler, der über sich selbst nachdenkt, der Widerspruchsgeist, künstlerische Unbestechlichkeit und eine beinahe anarchische Lust am Provozieren mit großer Sensibilität, ja, Verwundbarkeit vereint. Aus den schwermütigen Texten von Heinz Ratz blitzen gelegentlich gefährliche Lebenslust und makaberer Witz hervor. Eine Entdeckung!“

In der Tat war dem 14-maligen Schulabbrecher und Kosmopoliten (mit u.a. Südamerika, Saudi-Arabien, England und Österreich als zeitweiliger Heimat) und bekennendem Nicht-Abiturienten Ratz auch am 22. Oktober im Mehrzweckraum des Hessenkollegs nichts heilig:

Die Kenntnis von Goethes Erlkönig voraussetzend, parodierte Ratz: „Wer schreit so spät durch Nacht und Wind? Es ist bei Erlkönigs drüben das Kind! Es wird sich wohl schlecht benommen haben? Die sollten ihn besser erziehen, den Knaben!“ … um dann dem Knaben selbst Gehör zu schenken: „Oh liebe Nachbarn, so glaubt doch mir! Mein Vater versinkt schon am Morgen in Bier! Meine Mutter schluckt Beruhigungspillen! Mein kleines Herz verkümmert im Stillen.“ Abgründig-düster und weit weg von blühenden Zitronenhainen auch die Frage „Kennst du das Land wo verdrahtete Ratten glüh'n?“

Heinz Ratz wuchs nach eigener Aussage als Kind in Baden-Württemberg in liebloser Umgebung auf. Sein Vater – Arzt von Beruf und zeitweise Landesvorsitzender der NPD – hatte seine Vorstellungen von Zucht, Elite, männlicher Härte und nationaler Größe zunächst erfolgreich auf seinen Junior übertragen, bis der sich schließlich widersetzte und zum Punk und Anarcho-Rebellen wurde. Argentinische Straßenkinder, die sich von Abfällen ernähren mussten und mit ausgelutschten Zitronen Fußball spielten, machten ihm die Dimension von Armut und sozialer Ungerechtigkeit klar. Ratz hat sich „als Kind durch vieles hindurchretten können, weil ich mir meine Phantasie bewahrt habe“. Im Geschichtsunterricht führte das zwar zu mangelhaften Leistungen, „weil ich den einen oder anderen König hinzugemogelt habe“, als literarisches Produktionsverfahren hat sich das Übermaß an Phantasie und Fabulierlust aber bewährt: „Ich beobachte die Wirklichkeit und lass dann meine verrückte Phantasie einfließen. Nur die Wirklichkeit zu beschreiben wäre langweilig.“ Von den Studierenden nach Einflüssen von Drogen auf's Schreiben befragt, beschied Heinz Ratz knapp und klar: „Bekifft bin ich völlig langweilig.“ Auch vom „Kampf des Künstlers um die Gunst des Verlegers“ war in der Aussprache nach der Lesung die Rede, denn „anders als die Produkte eines Bäckers sind meine Geschichten zunächst einmal überflüssige Sachen, die dann einen Käufer finden müssen“. Mit seiner unbürgerlichen Lebensführung hadert der freie Schriftsteller allerdings nicht: „Ich bin nie richtig sesshaft gewesen, habe aber eigentlich immer ein tolles Leben geführt.“

Die nächste literarische Matinée am Hessenkolleg ist für den Nikolaustag (6.12.07 - 11.30h-15h) im Mehrzweckraum geplant. Das Theaterensemble der Wetzlarer Arbeitsloseninitiative (WALI) gastiert mit seinem Georg-Büchner-Projekt. Mit szenischen Kollagen, Lesungen und einem halbstündigen Film zu Büchners Aufenthalt als Medizinstudent in Gießen werden die Studierenden mit der Vita eines Großen der deutschen Literatur vertraut gemacht, der 24-jährig als Professor in Zürich starb, in einem Alter also, in dem man als ZBW-Schüler normalerweise erst so richtig anfängt danach zu fragen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“.

Klaus Petri