Der 1592 im südmährischen Nivnice
geborene evangelische Theologe Johann Amos Comenius war zu seiner
Zeit ein Weg weisender Pädagoge, der in ganz Europa sein Konzept
allgemeiner Volksbildung umzusetzen versuchte. Zeitweilig lehrte er
auch an der Hohen Schule in Herborn.
Die Schöpfung verstand er als Weltgeschichte, an der der Mensch
im Auftrag Gottes mitwirken sollte. Dafür bedürfe es einer
universalen Bildung, die allen Menschen gleichermaßen offen
zu stehen habe. Spracherziehung sollte sich dabei immer auf Sachinhalte
beziehen („verba et res“), der Unterrichtsprozess müsse
eher dem Spielen als dem Arbeiten verwandt sein.
In Erinnerung an diesen Pionier der europäischen Aufklärung
nennen sich die von der EU geförderten Schulpartnerschaftsaktivitäten
„Comenius-Projekte“. Sie werden über einen Zeitraum
von drei Jahren von mindestens drei Partnerschulen aus verschiedenen
europäischen Ländern durchgeführt. Das Wetzlarer Hessenkolleg
hatte sich vor einem Jahr in der rumänischen Stadt Ploiesti mit
Schulen aus Bulgarien, Griechenland, Rumänien und der Türkei
auf ein Projekt mit dem Arbeitstitel „Neue Methoden effektiven
Lernens und Unterrichtens“ verständigt. Eine Woche lang
wurde diese Verabredung jetzt ganz praktisch in den Räumen des
Hessenkollegs in der Brühlsbachstraße unter Einbeziehung
der internationalen Gäste umgesetzt. Statt des Lehrer zentrierten
Frontalunterrichts, der in vielen Ländern Europas noch allgemeiner
Standard ist, dominierten vielerlei Varianten von Gruppenarbeit und
selbstentdeckendem Lernen das Unterrichtsgeschehen. Englischlehrer
Hans Peter Osterhold hatte die Texte und Materialien zu den am Kolleg
schon länger praktizierten Methodentrainings (zu: „Lerntechniken“,
„Kommunikation“, „Gruppe“) ins Englische übersetzt,
so dass die auswärtigen Gäste nach Bedarf die „Expertenmethode“,
das „Kugellager“, die „Karikaturen-Ralleye“
oder das „stille Schreibgespräch“ an der eigenen
Schule einsetzen können. Die Unterrichtserfahrungen vom Vormittag
wurden nachmittags gemeinsam ausgewertet und um praktische Übungen
ergänzt. Entsprechend der „Expertenmethode“ waren
z. B von den 16 Lehrkräften Kenntnisse über die Ausflugsziele
dieser Woche – Gießen, Marburg, Rüdesheim und Frankfurt
– arbeitsteilig zu recherchieren und den anderen Expertengruppen
angemessen zu vermitteln. Kostas Chatziarapis, Informatiklehrer an
einer Techniker-Fachschule in Thessaloniki, verdeutlichte zusammen
mit seinen Kolleginnen Marilena Karolidou und Panagiota Tsouga, wie
an ihrer Schule mit gemeinsamem Sprechgesang und Kreisspielen Teamgeist
und eine disziplinierte Arbeitsatmosphäre hergestellt wird.
Dydem Öngel, Englischlehrerin an einer von eintausendfünfhundert
Schülern besuchten Privatschule im westtürkischen Izmir,
hatte sich auf die Wetzlar-Reise mit einer türkischsprachigen
Ausgabe von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ vorbereitet.
Sichtlich erfreut stellten die Comenius-Lehrkräfte im Rahmen
einer Altstadtführung im Lottehaus fest, dass Goethes Erfolgsroman
aus dem Jahre 1774 in nahezu alle europäischen Sprachen übersetzt
worden ist. Mit einem Eintrag ins Gästebuch äußerten
sich die Comenius-Aktivisten optimistisch, dass „der Schiefe
Turm von PISA“ durch europaweit vernetzte Anstrengungen „wieder
aufgerichtet werden kann“. Eine geballte Ladung methodischer
Raffinesse bei der Bearbeitung mathematischer Fragestellungen widerfuhr
den Lehrkräften aus den 5 Partnerschulen während des Aufenthaltes
im Gießener Mathematikum. Bei einem
Magistratsempfang im Palais Papius hieß Stadtrat Achim Beck
die internationalen Gäste in Wetzlar herzlich willkommen. Beck
lobte das Hessenkolleg für sein fortgesetztes Europa-Engagement
und betonte den großen Stellenwert von Aus- und Weiterbildung
in Zeiten rasanten technischen und gesellschaftlichen Wandels: „Durch
die Automation sind einfache Tätigkeiten auf dem Arbeitsmarkt
kaum nachgefragt. Die Schulen müssen – auch durch neue
Lehr- und Lernmethoden – auf die veränderten Qualifikations-anforderungen
in der Arbeitswelt vorbereiten.“ Schulleiterin Streubel-Piepkorn
und ihr Stellvertreter Dr. Wöllert zogen beim Abschlusstreffen
in der Badenburg (bei Lollar) ebenso wie die Delegationen der Partnerschulen
eine positive Bilanz der gemeinsam gestalteten Konferenztage. Ein
Folgetreffen wird es im Frühjahr 2006 in Izmir geben.
Klaus Petri