![]() |
"Georg-Büchner-Projekt" der WALI Aufführung am Wetzlarer Hessenkolleg 6.12.2007 |
Dass Arbeitslose zu anderem in der Lage sind als „Kohlenhydrate und Alkohol in sich hinein zu stopfen“ (so der ex-GRÜNEN-Politiker Oswald Metzger), bewies eindrucksvoll eine Theaterproduktion der beiden Arbeitsloseninitiativen aus Wetzlar und Gießen. Am Nikolaustag gab es – statt Rute, Apfel-Nuss-Mandelkern – für die Studierenden des Wetzlarer Hessenkollegs „literarische Heimatkunde“ als Lifeprogramm. Die rund 40 Mitwirkenden hatten unter der künstlerischen Leitung von Schauspieler Erich Schaffner eine szenische Collage aus Texten von Georg Büchner (1813-1837) erarbeitet. Aus Büchners „Woyzeck“ – eines der meistgespielten Dramen hierzulande - wurden die Hauptmann- und die Doktor-Szene gegeben. Dem von seinen Vorgesetzten malträtierten und verhöhnten Soldat Franz Woyzeck (überzeugend gespielt von Tetsuro Pecoraro) ist der Weg in eine normale bürgerliche Existenz verstellt, er wird schließlich zum Mörder an seiner Geliebten. Sein ständiges „Gehetztsein“ ist heutzutage das Schicksal nicht weniger „Ein-Euro-Jobber“, deren kümmerliches Zubrot hinten und vorne nicht reicht. Auch diesen Hinweis auf die Aktualität von Armut und sozialer Ausgrenzung enthielt die Aufführung . Büchner suchte in seinen Dramen eine Antwort auf die Frage „Was ist das, was in uns lügt, mordet und stiehlt?“ und drängte auf die revolutionäre Veränderung von Herrschaftsverhältnissen, die den Menschen zu einem geknechteten und ausgebeuteten Wesen machen. Dabei zeigt er im Revolutionsdrama „Dantons Tod“ zugleich nüchtern und schonungslos das Ausbleiben einer Gesellschaft von „Gleichen und Freien“ nach dem Umsturz: es sind ungebildete und rachsüchtige Charaktere, die zunächst die Arbeit am Schafott verrichten und dann selbst ihren Kopf verlieren. Der mit 24 Jahren an Typhus verstorbene Georg Büchner hatte zum Schluss den revolutionären Elan aus der Zeit des „Hessischen Landboten“ eingebüßt. Sein „Anti-Sterntaler.Märchen“ (mit Irmtraud Franken als Großmutter) bildete den Schluss der szenischen Collage: Das „arm Kind, das Vater und Mutter verloren hat“ findet nicht zum sicheren Hafen. Es bleibt allein, desillusioniert und hoffnungslos zurück. Schulleiterin Christel Streubel-Piepkorn zeigte sich erfreut, dass das WALI-Ensemble außer den Einladungen aus Gießen und Offenbach auch jener der Wetzlarer Erwachsenenschule gefolgt war und bedankte sich bei den Akteuren mit Schokoladen-Nikoläusen. Lob für die Szenenauswahl und die schauspielerische Leistung erhielt die WALI-Kulturinitiative von Frank Becker, der am Hessenkolleg das Fach Darstellendes Spiel unterrichtet und unmittelbar nach der Verabschiedung der Gäste sein Hausensemble für eine Probe auf die Bühne bat. Übrigens wurde in dem Stück auch deutlich, welche Partei Georg Büchner im aktuellen Streit um das Janosch-Bild mit Lottes nacktem Hinterteil bezogen hätte: Die Darstellung aller Spielarten von Sexualität war ihm vertraut, er mochte „Kartenspiele, bei denen die Könige über die Damen herfallen und hinterher Buben herauskommen.“ K. Petri |
|
|
|
|