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Ohne den NS-Rassenwahn und seine mörderischen Konsequenzen würden
die Familiennamen Löb, Heimann, Moses, Rosenthal, Kahn und Manasse
heute als ähnlich typisch für Wetzlar und Umgebung wahrgenommen
wie vielleicht Waldschmidt, Ulm, Zutt oder Mignon. Den 1942 aus dem Altkreis
Wetzlar deportierten und in den Vernichtungslagern vergasten Menschen
jüdischen Glaubens „ihren Namen wiederzugeben, sie der Vergessenheit
zu entreißen“, war das zentrale Anliegen eines Vortrags von
Monica Kingreen, Mitarbeiterin des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts,
im Foyer des Wetzlarer Hessenkollegs. Organisiert hatte die Veranstaltung
die „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit
Gießen-Wetzlar“, deren Vorstandsmitglied Dieter Steil zusammen
mit der Kolleg-leiterin Christel Streubel-Piepkorn die Gäste begrüßte.
Zu den rund 50 Besuchern der Veranstaltung zählte auch die Wetzlarerin
Gisela Jaeckel, deren Großeltern Josef und Berta Lyon im April 1940
ihre Heimatstadt Wetzlar Richtung Frankfurt/Main verließen, von
wo aus sie im April 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden.
Von allen Ländern hatte Hessen reichsweit den höchsten Anteil
an jüdischer Landbevölkerung. Im Juni 1933 lebten 502 jüdische
Bewohner im Kreis Wetzlar, das entsprach 0,58% der Gesamtbevölkerung.
Die Referentin sprach für die Zeit davor von einer historisch gewachsenen,
symbiotisch-einvernehmlichen Form des Mit- und Nebeneinanders von christlicher
und jüdischer Bevölkerung. Mit dem Machtantritt der Nazis folgte
– wie überall im Deutschen Reich – zunächst die
Entrechtung und Ausgrenzung, danach die Ausplünderung, Austreibung
und Ermordung der Juden.
1939 war annähernd die Hälfte der Juden bereits vertrieben oder
in Großstädte weggezogen. In der Stadt Wetzlar waren nur noch
53 Personen ansässig. Im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938
wurden viele Männer in Konzentrationslager verschleppt. Andere wurden
zur Zwangsarbeit verpflichtet – wie etwa Erich Neter aus Biskirchen,
der als Wald- und Hilfsarbeiter in Stockhausen eingesetzt wurde. Der Biskirchener
Jakob Ludwig starb im 1937 errichteten Konzentrationslager Buchenwald,
seine Urne wurde im Februar 1939 in Frankfurt beigesetzt. Zu Beginn des
Krieges lebten vorwiegend alte und schwache Menschen noch in ihren Häusern
und Wohnungen. Im Sommer 1942 kam es- nachdem ein halbes Jahr vorher auf
der sogenannten Wannsee-Konferenz bei Berlin die „Endlösung
der Judenfrage“ beschlossen worden war – zur Deportation der
noch verbliebenen Juden.
Ein „NSDAP-Wohnungskommissar“ organisierte zusammen mit den
Finanzbehörden die „Arisierung“ ihres Besitzes. Wertgegenstände
wie Fahrräder oder Fotoapparate mussten bei der Ortspolizeibehörde
abgegeben werden, Eheringe waren die letzten „legalen“ Wertgegenstände.
Die NSDAP-Ortsgruppe Waldgirmes versuchte mit einem Schreiben Einfluss
auf die Weiterverwertung einer Immobilie zu nehmen: „Hier wartet
ein alter Jude auf den Abtransport. Es lauern viele, die es nicht nötig
haben, schon auf die Versteigerung.“ Es gab aber auch Betroffenheit
und Trauer bei der nichtjüdischen Bevölkerung. So berichtet
ein Zeitzeuge von der Deportation des Ehepaars Jakob und Martha Löb
und ihrer 15-jährigen Tochter Margot: „An den verhängnisvollen
Mittag, an dem die Familie Löb abtransportiert wurde, war unter den
Leuten von Hohensolms eine Stimmung, wie wenn sich ein tragischer Unglücksfall
ereignet hätte.“ Hedwig Neter (Biskirchen) wurde im Juni 1942
wegen der kurz bevorstehenden Geburt ihres zweiten Kindes mit der Familie
von der Deportation zunächst zurückgestellt. Der Säugling
mit Namen „Semi“ wird dann im Alter von 8 Wochen zusammen
mit seinem Schwesterchen Zilla in Estland von der Mutter getrennt, in
Dünen erschossen und in vorher ausgehobene Gruben verscharrt. Mutter
Hedwig stirbt 1944 im KZ Stutthoff.
Beim Abtransport hatten die Menschen ein Schild mit Namensangaben und
Geburtsdatum um den Hals hängen. Transportlisten mit Namen von 75
Personen aus der Umgebung von Wetzlar sind für die Juni-Deportation
1942 erhalten geblieben, über einen Sammelpunkt in der Garbenheimer
Jahnstraße gelangten die zur Vernichtung bestimmten Juden zunächst
in ein Sammellager im Frankfurter Ostend, wo am 11.6. ein Zug mit 1240
Personen Richtung Vernichtungslager Majdanek abfährt. Ein zweiter
Transport gleicher Größe – darunter auch 29 Menschen
aus dem Kreis Wetzlar – verlässt am 1. September 1942 Frankfurt
mit Ziel Theresienstadt (60 km nordwestlich von Prag), von wo aus die
meisten anschließend in die Vernichtungslager weitergeleitet wurden.
Eine Ausnahme ist das Schicksal der Wetzlarerin Emilie Stern: Sie wird
76-jährig im Frühjahr 1945 in Theresienstadt von der Roten Armee
befreit.
Monica Kingreen verlas am Ende ihres Vortrags eine lange Liste mit den
Namen der 1942 deportierten und ermordeten Menschen aus dem Kreis Wetzlar
und appellierte an die Anwesenden, sich vor Ort „gegen das Vergessen“
zu stellen.
Klaus Petri
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