Bericht über die Vortragsveranstaltung „Die gewaltsame Verschleppung der Juden aus Wetzlar und den Dörfern des Altkreises Wetzlar im Jahre 1942“

(am 22.9. 04 im Hessenkolleg)

Ohne den NS-Rassenwahn und seine mörderischen Konsequenzen würden die Familiennamen Löb, Heimann, Moses, Rosenthal, Kahn und Manasse heute als ähnlich typisch für Wetzlar und Umgebung wahrgenommen wie vielleicht Waldschmidt, Ulm, Zutt oder Mignon. Den 1942 aus dem Altkreis Wetzlar deportierten und in den Vernichtungslagern vergasten Menschen jüdischen Glaubens „ihren Namen wiederzugeben, sie der Vergessenheit zu entreißen“, war das zentrale Anliegen eines Vortrags von Monica Kingreen, Mitarbeiterin des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts, im Foyer des Wetzlarer Hessenkollegs. Organisiert hatte die Veranstaltung die „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar“, deren Vorstandsmitglied Dieter Steil zusammen mit der Kolleg-leiterin Christel Streubel-Piepkorn die Gäste begrüßte. Zu den rund 50 Besuchern der Veranstaltung zählte auch die Wetzlarerin Gisela Jaeckel, deren Großeltern Josef und Berta Lyon im April 1940 ihre Heimatstadt Wetzlar Richtung Frankfurt/Main verließen, von wo aus sie im April 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden.
Von allen Ländern hatte Hessen reichsweit den höchsten Anteil an jüdischer Landbevölkerung. Im Juni 1933 lebten 502 jüdische Bewohner im Kreis Wetzlar, das entsprach 0,58% der Gesamtbevölkerung. Die Referentin sprach für die Zeit davor von einer historisch gewachsenen, symbiotisch-einvernehmlichen Form des Mit- und Nebeneinanders von christlicher und jüdischer Bevölkerung. Mit dem Machtantritt der Nazis folgte – wie überall im Deutschen Reich – zunächst die Entrechtung und Ausgrenzung, danach die Ausplünderung, Austreibung und Ermordung der Juden.
1939 war annähernd die Hälfte der Juden bereits vertrieben oder in Großstädte weggezogen. In der Stadt Wetzlar waren nur noch 53 Personen ansässig. Im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938 wurden viele Männer in Konzentrationslager verschleppt. Andere wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet – wie etwa Erich Neter aus Biskirchen, der als Wald- und Hilfsarbeiter in Stockhausen eingesetzt wurde. Der Biskirchener Jakob Ludwig starb im 1937 errichteten Konzentrationslager Buchenwald, seine Urne wurde im Februar 1939 in Frankfurt beigesetzt. Zu Beginn des Krieges lebten vorwiegend alte und schwache Menschen noch in ihren Häusern und Wohnungen. Im Sommer 1942 kam es- nachdem ein halbes Jahr vorher auf der sogenannten Wannsee-Konferenz bei Berlin die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen worden war – zur Deportation der noch verbliebenen Juden.
Ein „NSDAP-Wohnungskommissar“ organisierte zusammen mit den Finanzbehörden die „Arisierung“ ihres Besitzes. Wertgegenstände wie Fahrräder oder Fotoapparate mussten bei der Ortspolizeibehörde abgegeben werden, Eheringe waren die letzten „legalen“ Wertgegenstände. Die NSDAP-Ortsgruppe Waldgirmes versuchte mit einem Schreiben Einfluss auf die Weiterverwertung einer Immobilie zu nehmen: „Hier wartet ein alter Jude auf den Abtransport. Es lauern viele, die es nicht nötig haben, schon auf die Versteigerung.“ Es gab aber auch Betroffenheit und Trauer bei der nichtjüdischen Bevölkerung. So berichtet ein Zeitzeuge von der Deportation des Ehepaars Jakob und Martha Löb und ihrer 15-jährigen Tochter Margot: „An den verhängnisvollen Mittag, an dem die Familie Löb abtransportiert wurde, war unter den Leuten von Hohensolms eine Stimmung, wie wenn sich ein tragischer Unglücksfall ereignet hätte.“ Hedwig Neter (Biskirchen) wurde im Juni 1942 wegen der kurz bevorstehenden Geburt ihres zweiten Kindes mit der Familie von der Deportation zunächst zurückgestellt. Der Säugling mit Namen „Semi“ wird dann im Alter von 8 Wochen zusammen mit seinem Schwesterchen Zilla in Estland von der Mutter getrennt, in Dünen erschossen und in vorher ausgehobene Gruben verscharrt. Mutter Hedwig stirbt 1944 im KZ Stutthoff.
Beim Abtransport hatten die Menschen ein Schild mit Namensangaben und Geburtsdatum um den Hals hängen. Transportlisten mit Namen von 75 Personen aus der Umgebung von Wetzlar sind für die Juni-Deportation 1942 erhalten geblieben, über einen Sammelpunkt in der Garbenheimer Jahnstraße gelangten die zur Vernichtung bestimmten Juden zunächst in ein Sammellager im Frankfurter Ostend, wo am 11.6. ein Zug mit 1240 Personen Richtung Vernichtungslager Majdanek abfährt. Ein zweiter Transport gleicher Größe – darunter auch 29 Menschen aus dem Kreis Wetzlar – verlässt am 1. September 1942 Frankfurt mit Ziel Theresienstadt (60 km nordwestlich von Prag), von wo aus die meisten anschließend in die Vernichtungslager weitergeleitet wurden. Eine Ausnahme ist das Schicksal der Wetzlarerin Emilie Stern: Sie wird 76-jährig im Frühjahr 1945 in Theresienstadt von der Roten Armee befreit.
Monica Kingreen verlas am Ende ihres Vortrags eine lange Liste mit den Namen der 1942 deportierten und ermordeten Menschen aus dem Kreis Wetzlar und appellierte an die Anwesenden, sich vor Ort „gegen das Vergessen“ zu stellen.

Klaus Petri

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