Auf die Suche nach Spuren jüdischen Lebens in Wetzlar begaben sich
rund 60 Interessierte unter Führung der Historikerin Dr. Susanne
Meinl. Die Mitarbeiterin des Fritz-Bauer-Instituts (mit Sitz in Frankfurt/Main),
die maßgeblich an der Erstellung der noch bis zum 13. Oktober im
Hessenkolleg gezeigten Ausstellung „Der Fiskus und die Ausplünderung
der Juden in Hessen 1933-45“ beteilgt war, begann den Altstadt-Rundgang
in der Wertherstraße, vor dem 1930 errichteten Gebäude des
früheren Finanzamtes Wetzlar. Dessen Aktenbestände sind durch
einen Bombentreffer am Ende des Krieges fast vollständig vernichtet
worden, so dass Recherchen zur „Arisierung jüdischer Habe“
über Parallelakten im Hessischen Staatsarchiv und in anderen Behörden
das damalige Geschehen klären halfen. Dr. Meinl legte dar, dass die
Angehörigen der jüdischen Gemeinde in Wetzlar ganz und gar nicht
dem Klischee des vermögenden Geldjuden entsprachen. Es waren durchweg
kleine Händler und Gewerbetreibende, für die bereits die für
eine Ausreise aus Nazideutschland aufzubringenden Sondersteuern und Umzugskosten
unerschwinglich waren.
Am Liebfrauenberg stand das Haus des Altwarenhändlers Josef Lyon,
dessen drei Töchter alle mit nichtjüdischen Männern verheiratet
waren. Was sie allerdings nicht vor Verfolgung und Deportation schützte.
Dr. Meinl: „Der hessische NSDAP-Gauleiter Jakob Sprenger war ein
besonders rabiater Judenhasser und gab die Order aus, auch die jüdischen
Partner aus "Mischehen’ auszusondern.“ Zu den 57 Holocaust-Opfern
aus der Stadt gehörten so auch die Lyon-Tochter Lina Wollmann, die
am Brodschirm wohnte und 1944 nach Auschwitz deportiert wurde, und ihre
Schwester Rosa Best aus der Krämerstraße. Hedwig Palm aus dem
gleichnamigen Optik-Geschäft in der Altstadt konnte sich zunächst
mit Hilfe von Elsie Kühn-Leitz verstecken, geriet aber beim versuchten
Übertritt in die neutrale Schweiz in die Fänge der Gestapo.
Von ihr sind mehrere Briefe an ihre Familie erhalten geblieben. Brachte
die ins Frauen-KZ Ravensbrück verschleppte Hedwig Palm darin zunächst
noch ihre Sorge um den Fortgang im Haushalt und Geschäft zum Ausdruck,
kündigte die dann völlig ausgezehrte und verzweifelte Frau im
letzten Brief ihren Selbstmord an.
Die Wetzlarer Synagoge wurde während des Novemberpogroms 1938 zwar
geschändet und demoliert, nicht jedoch in Brand gesetzt. In den Folgetagen
des 9. November wurden zahlreiche jüdische Männer verhaftet
und von der Hauptwache am Domplatz aus in umliegende Konzentrationslager
deportiert. Bürgermeister Kindermann bedankte sich bei den beteiligten
SA-Männern für deren „Beitrag zur Lösung der Judenfrage“
und spendierte 50 Mark, verbunden mit der Bitte, „diesen Betrag
auf dem nächsten Kameradschaftsabend entsprechend verwenden zu wollen“.Der
Hausrat der aus der Stadt vertriebenen Juden wurde im Saal der früheren
Gaststätte Ackermann (zwischen Hertebau und Eselstreppe gelegen)
versteigert. Die Lyon-Enkelin Gisela Jaeckel erinnert sich heute noch
an ihren damaligen Versuch, dort ihre Puppe zurückzuerlangen. In
der Lahnstraße 28 lebte die jüdische Familie Keßler,
die dort eine Pferdemetzgerei betrieb. Sohn Karl Keßler gehörte
zu den im November 1938 nach Buchenwald Deportierten. Seine Mutter Meta
Keßler hoffte auf eine Möglichkeit zur Auswanderung und bot
ihrem Nachbarn Adolf Rühl das Haus zum Kauf an. Die 1930 geborene
und heute in den USA lebende Rühl-Tochter Hildegard Dreuth nahm mit
ihrer Schwester Ellen Scharfscheer an der Führung teil und erinnert
sich: „Wir hatten mit Keßlers eine gute Nachbarschaft. Meta
Keßler war für uns "die Oma". Unser Vater unterstützte
die Nachbarin und wurde deshalb in der Stadt als "Judenfreund"
geschmäht.“ Das von Adolf Rühl per Kaufvertrag erworbene
Keßler’sche Haus zerstörte eine Luftmine, in den 50er
Jahren entstand dort ein Neubau (Orthopädie Gerster). Die Schwestern
hatten die Abschrift eines Briefes dabei, den ihr Vater im Mai 1948 an
die in die USA entkommene Keßler-Enkelin Linda Kaleisnik geschrieben
hatte. Historikerin Dr. Meinl bestätigte, dass es als Ausnahme von
der Regel auch den „freundschaftlichen Erwerb“ jüdischen
Besitzes durch Nachbarn gegeben habe. Sie schloss am ehemaligen „Braunen
Haus“ der NSDAP-Kreisleitung (Buderus-Villa) mit der Feststellung,
dass „dies alles nur scheinbar lange her ist“ und ermunterte
die Teilnehmer dieser außergewöhnlichen Stadtführung,
sich selbst weiter um die Spuren der in der Nazizeit drangsalierten jüdischen
Menschen zu kümmern.
Klaus Petri
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