| Charlotte Opfermann zu Gast am Hessenkolleg Klaus Petri |
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| Einen Geschichtsunterricht der besonderen Art erlebten dieser Tage mehrere Klassen des Wetzlarer Hessenkollegs. Zum Rahmenprogramm der im Kolleg gezeigten Ausstellung „Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933-45“ gehörten Führungen und Gesprächsrunden mit der 1925 in Wiesbaden geborenen und heute in den USA lebenden Jüdin Charlotte Opfermann (geb. Guthmann). Deren Vater Berthold Guthmann hatte 1920 Claire Michel, die Tochter eines Gießener Pferdehändlers geheiratet, war von Beruf Rechtsanwalt und hatte in der Nazizeit als „Konsulent“ im Auftrag des Fiskus und der Gestapo an der Verwaltung und Verwertung jüdischer Vermögen mitzuwirken. Zu seinen Aufgaben zählte vor allem der Verkauf jüdischer Friedhöfe. Im Sommer 1943 wurde die Familie nach Theresienstadt deportiert. Berthold Guthmann wurde 1944 in Auschwitz vergast, sein Sohn Paul überlebte im Winter 1945 einen der berüchtigten Todesmärsche, wird aber noch im März 1945 im KZ Mauthausen ermordet. Pauls drei Jahre jüngere Schwester Charlotte besuchte zunächst in Wiesbaden eine höhere Schule. Ganze zwei Mal wurde sie in dieser Zeit zu Kindergeburtstagen in „arischen“ Familien eingeladen: „Von den Eltern meiner Schulfreunde war das durchaus als demonstrativer Akt gedacht“, erinnert sich Charlotte Opfermann. Nach dem erzwungenen Schulabbruch hatte sie Eisenbahnwaggons und Straßenbahn-Depots zu säubern. Während der Ausschreitungen im Zusammenhang mit der „Reichskristallnacht“ im November 1938 flüchtet sich das 13-jährige Mädchen Schutz suchend in die Nachbarwohnung einer estnischen Familie. Wohnung und Anwaltskanzlei ihres Vaters werden demoliert. „Besondere Aggressionen bei den angetrunkenen SA-Leuten löste ein Bild auf dem Schreibtisch meines Vaters aus, das diesen als kriegesverwundeten Fliegerleutnant der Richthofen-Staffel zeigte. Mein Vater war – wie seine beiden Brüder – Kriegsfreiwilliger, er hatte für besondere Tapferkeit im 1. Weltkrieg das Eiserne Kreuz erhalten.“ Frau Opferman charakterisierte das Lebensgefühl assimilierter Juden im damaligen Deutschland so: „Man hat sich sehr deutsch gefühlt und war verletzt, dass man ausgestoßen wurde.“ Die Wiesbadener Juden, die 1941-43 nach Theresienstadt transportiert wurden, wussten, dass sie dort kein Erholungsheim erwartete: „Von einem Transport mit geplanten 450 Personen nahmen sich vorher 50 das Leben. Viele verübten Selbstmord am Grab ihrer Eltern.“ Charlotte Opfermann verbrachte 2 Jahre (Juni 43 bis Juli 45) in Theresienstadt: „Die Lebensumstände dort waren katastrophal. In dem maximal für 8000 Menschen ausgelegten Ghetto waren zeitweilig 64 Tausend zusammengepfercht. Siechtum und Seuchen waren allgegenwärtig.“ Die junge Frau hatte Hilfsarbeiten im Sanitärtrakt des Lagers zu verrichten: „Im Minutentakt hatte ich Duschen auf- und zuzudrehen. Etwa alle 4 Wochen erhielten die verdreckten Lagerinsassen einen ‚Duschberechtigungsschein’ ausgehändigt. “ Die Anwaltsfamilie Guthmann zählte vor 1933 zum wohlhabenden Wiesbadener Bürgertum. Die Hessenkollegiaten interessierte, ob sie nach dem Krieg ihren Besitz zurückerstattet bekommen habe. “Meine Mutter hat einiges wiederbekommen. Ich entschied mich irgendwann, einen Schnitt zu machen, Englisch zu lernen und in den USA neu anzufangen.“ Die Wiesbadener Wohnung hatte inzwischen ein Wehrmachtsoberst namens Peliceus übernommen: „Die besaßen die Unverschämtheit, noch vor unserer Deportation die Wohnung auszumessen und auf unsere Kosten renovieren zu lassen. Nach dem Krieg sahen wir sie mit dem Geschirr und den Servietten mit unserem Monogramm bei Tisch sitzen“, erinnert sich die Theresienstadt-Überlebende.
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Die Besuche in deutschen Schulen sind für die alte Dame „eine Art Therapie, um mit den schrecklichen Erlebnissen umgehen zu können“. In Gesprächen mit Freunden und Angehörigen in den USA sei dies hingegen kein Thema. |
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Charlotte Opfermann im
Gespräche mit Schülerinnen des Hessenkollegs |
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Charlotte Opfermann ist Ende November plötzlich in den USA an einer Lungenembolie verstorben. Sie ist uns allen in Erinnerung als eine engagierte, offene und kritische Persönlichkeit. Die Workshops und Gespräche mit ihr als Zeitzeugin zur Ausstellung "Die Ausplünderung der Juden in Hessen von 1933 - 1945" waren Geschichtsstunden besonderer Art. Wir haben viel von ihr gelernt. Unser Mitgefühl gilt der Tochter von Frau Opfermann und ihrer Familie. C. Streubel-Piepkorn (Schulleiterin des Hessenkollegs) |
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