„Poetry Slam“-Matinée am 29.09.2008 für die Deutsch-Klassen des LG 39 im Mehrzweckraum des Hessenkollegs. „Sprache und Wirklichkeit“ ist das Semesterthema im Deutschunterricht der Qualifikationsphase 2 an den Schulen für Erwachsene in Hessen. Für den Fachbereich Deutsch bot sich Ende September die Gelegenheit zum Sprachunterricht der besonderen Art, da drei Nachwuchstalente aus dem Genre „Poetry Slam“ - darunter Hessenkollegiat Stefan Dörsing/-Vorkurs, LG 41 – gerade eine Tournée machen und das Hessenkolleg dabei als Station wählten. Die rund 50 Zuhörer erlebten ein wahres Feuerwerk aus Sprachjonglagen, Lautmalungen, gereimten und ungereimten Beobachtungen, Kommentaren und Lebensweisheiten. Den Reigen der durchweg selbst verfassten Textbeiträge eröffnete Almuth Nitsch v. Kerry, die an diesem Vormittag den Matheunterricht in Klasse 12 der Wetzlarer Goetheschule vernachlässigt hat („Ist Sprache nicht wichtiger als Zahlen?!“), um das Hessenkolleg als Bühne für diese unter Jugendlichen sehr populäre Kleinkunst-Form zu nutzen. In der Rolle der 8-jährigen Anna nahm sie ihr Publikum mit auf eine kindliche Entdeckungsreise. „Wenn die Fische im Aquarium mit Buntstiften gefüttert werden, wachen sie nicht mehr auf“, lautet eine schmerzliche Erkenntnis aus Kindermund. Auch zu Vatis Urteil über Mutti („Ich verlasse dich jetzt, weil du hässlich geworden bist.“) muss sich Klein-Anna einen eigenen Standpunkt erarbeiten. An der Schwelle zum Erwachsenenalter merkt sie, dass weibliche Wesen sich nicht auf nur eine passende Farbe („in der Kindheit rosa, im Jugendalter pink“) festlegen lassen sollten, sondern dass sie das Leben in all seiner Buntheit entdecken, verstehen und genießen können. Der Schlussakkord von Klein-Anna lautete übrigens „Pisse – Kacke – Dankeschön!“. Der „Heilige Krieg im Namen des poetischen Terrorismus“ wurde von Stefan Dörsing (Grünberg/Wetzlar) und Thommy Tesfu (Augsburg/Berlin) gnadenlos fortgesetzt. In dem Bewusstsein „Dichter sind letztlich nichts weiter als Vers-Sager“ wurde an den Schauspieler Moritz („Bleib treu!“) appelliert und seinem Kollegen Johnny („Depp!“) übel nachgeredet. Derweil guckt Cameron – davon unbeeindruckt – Diaz. Klassische rhetorische Figuren wie Alliterationen („Philosophen feiern Feten“) gehörten genauso zum Repertoire wie das Angebot eines deutsch-türkischen Fischhändlers („Weiß du, hier gibt jede Menge frische Aale: Mor – al, Ide – ale, Rand – ale…“). Und abends nach der Party geht es darum, trotz zahlreicher Cola-Biere nicht zu kollabieren. Für den volltrunkenen Zecher stellen sich Fragen von Shakespeare'schem Format – während sein Magen revoltiert: „Schein oder Dichtsein – das ist die Frage.“ Pünktlich zum Start des „R.A.F.“- Films „Der Baader-Meinhof-Komplex“ gewährte Stefan Dörsing Einblicke „ins Drehbuch zum Jahr 1968“: Die APO fiel als reifes Früchtchen vom Baum und gab – als harten Kern – die R.A.F. frei. Wem deren Luft zu bleihaltig war, griff zu „Sex, Drugs and Rock'n Roll“ („Alter, das Zeug geht steil ab – und der Preis is okay, also sag nicht nee!“). Beim Oldie „Smoke on the water“ mutierte Hessenkollegiat Stefan Dörsing zur Ein-Mann-Kapelle, andere Beiträge unterlegte er kunstvoll mit der Geräuschkulisse stampfender, rhythmisch vibrierender Industrie-Roboter. Ins Guantanamo-Gefängnis des Oberwärters George W. Bush fühlte man sich versetzt, als Thommy Tesfu – eingezwängt in einer Minizelle kauernd – die Losung „Liberté, Egalité, Fraternité“ zunächst kämpferisch - und dann leidvoll wimmernd – ausbrachte, bis schließlich nur noch „Kehlkopf-Eintopf“ übrig blieb. Derweil schickte sich Popstar Madonna (alias „Mad honor“) an, neben Adoptivsohn David so viele afrikanische Kinder zu adoptieren („Take two pay one“), dass „echte Afrikanerkinder künftig nur noch im Zoo zu sehen sind“. Grandios gelangt es den beiden, einer „Juke-Box mit Spezialfunktionen“ auf Knopfdruck alle denkbaren Stil-Varianten (von pathetisch-theatralisch über ungezwungen-anarchisch bis lachhaft) von Nonsens-Texten Zu entlocken. Die Antwort auf die beiläufig von der Bühne herab ins Publikum gestellte Frage „Haltet ihr uns etwa für Kindsköpfe?“ wurde nicht im Klartext gegeben, sondern vielsagend mit viel Applaus für die drei Akteure. Einmal mehr hatte sich „Poetry Slam“ als ein ‚echter Renner' im Schulleben des Kollegs erwiesen. Und Stefan Dörsing wird dem Kolleg – wenn's normal läuft – noch drei Jahre erhalten bleiben. Und das ist auch gut so. Petri |
|